fat feminism, fetter feminismus, fettpolitik
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HANDWERKER UND BINGO

holub_milano

Was Handwerker und Bingo vereint, warum sie in der Wohnung zu haben immer auch Gefahr bedeutet und über die eine Situation in der Aussehen und sogar Gewicht von Frauen nie eine Rolle spielt. English version below.

Ich musste Handwerker in meine Wohnung lassen. Diesmal war es leider nicht möglich dezidiert nach einem Frauenteam zu suchen dass meine Räume fixt, also war mir sofort klar es wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ein reines Männerteam sein dass sich in meinem Privatbereich breit macht – und genau so kam es dann auch.

Ich war schon davor etwas nervös. Einer der ganz wenigen Orte an denen Gleichberechtigung, Solidarität und Respekt in dem Maße gelebt werden wie ich es mir überall wünschen würde, wird Schauplatz von verbalen Übergriffen und Grenzüberschreitungen, getarnt als Komplimente und sogenannte Herrenwitze, die wohl auch deshalb so heißen weil wirklich nur Cisherren darüber lachen können.
Woher ich das weiß? Weil es absolut immer so ist, und nicht nur bei mir sondern bei jeder Frau mit der ich darüber geredet habe und das habe ich bei meiner Recherche hierzu viel. Es ist dabei ganz offensichtlich geworden, dass jede verfügbare, und gefühlt straffreie Aktion die es gibt genutzt wird um hierarchische Machtverhältnisse zu erschaffen bzw aufrecht zu erhalten.

„Gewalt ist immer der dunkle Kern von Herrschaftsverhältnissen“ hat Alice Schwarzer einmal geschrieben. (Buch „Alice im Männerland“) Und auch wenn ich mich Frau Schwarzer nicht mehr so nah fühle wie früher mal, damit hat sie absolut recht und dies auch noch sehr treffend formuliert.
Der neu betretene Raum, und sei es nur das Bad einer Frau, wird sofort okkupiert, und zum Politikum gemacht. Der Konflikt der scheinbar mit dem Öffnen der Türe beginnt, wird mit Hilfe von Gewalt in Form von als klar cismännlich konnotierten Gestiken und verbalen Äusserungen ausgefochten bis die (offenbar auch als solche wahrgenommene) Übermacht der Badbesitzerin zerschlagen wurde, und sich die Handwerker wieder entspannt in ihrem gewohnten politischem Klima aufhalten können: dem Patriarchat.

Nun eine konkrete Aussage dazu :“Weißt du, im Rohre verlegen bin ich richtig gut“ mit klar doppeldeutigem Stimmklang und passend machoidem Gehabe. In dem Fall ein näher treten mit Aufplustern und möglichst breitbeinigem Stand. Seit jeher die Beinhaltung schlechthin wenn es darum geht sich Raum anzueignen der einem nicht gehört (siehe U-Bahn Fahrten etc.)

Würde dem nicht geballter Frauenhass zugrunde liegen, möchte ich fast Gähnen und Mitleid fühlen, denn wie zerbrechlich muss die eigene Identität sein wenn allein das bloße existieren einer Frau im selben Raum zu solch Maßnahmen führt.

Und nein: DAS IST KEIN KOMPLIMENT!

Meiner Meinung nach ist ein Kompliment eine sehr schön ausformulierte Wahrheit, die direkt und ausschließlich mit der Person zusammenhängt an die es gerichtet ist und zum Ziel hat, der/dem BetreffendeN zu zeigen: Ich sehe dich, du bist gemeint, ich feier dich und will dass du es weißt.

Nichts von alledem trifft auf Ansprachen wie die eben erwähnte zu. Es geht darum die Situation zu sexualisieren, die Frau in eine Position zu drängen in der sie sich nicht wohl fühlt und dies aber so als Scherz zu verpacken, dass sie gefühlt kaum ein Recht hat sich ernsthaft darüber aufzuregen. Gerade eben so viel Dominanz und körperliche Überlegenheit spüren zu lassen dass sie sich mit hoher Wahrscheinlichkeit beugt und unterdrücken lässt – in ihren eigenen 4 Wänden.

Dazu möchte ich euch an dieser Stelle das sehr treffende Street Harassment Bingo, dass ich bei Holla Back DC gefunden habe, zeigen, welches gängige Argumente, die dazu dienen sollen einen Übergriff zu relativieren, auflistet. Der Blog ist generell einen längeren Blick wert.

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Bei all dem ist vollkommen gleichgültig wie die Frau aussieht, es reicht allein der Fakt dass sie kein Cismann ist. Faktoren wie Gewicht, Frisuren, Trends, Kleidung, Körperform, ganz egal an was für Merkmalen Frauen sonst gemessen werden, dies ist wohl die einzige Situation in der all das keine Rolle spielt. Weil es ja auch nicht um tatsächliche Wertschätzung geht, sondern um Unterdrückung die sich als Spaß tarnt. Hier ein weiteres Beispiel dass zu einer größeren Debatte (in Deutschland) geführt hat.

Dieser Angriff, die sogenannte Belästigung, die gerne mit sexuellem Unterton daherkommt, aber immer darauf abzielt die Würde der Frau zu verletzen, ist in Österreich und Deutschland tatsächlich eine Straftat. Das ist gut zu wissen, und ich befürworte auch jede juristische Reaktion darauf die möglich ist. Aber was ist dieses Gesetz wirklich wert, wenn sogar eine medial sehr bekannte Frau unter Drogen gesetzt, anschließend vergewaltigt, und schließlich der Falschaussage bezichtigt, selbst angeklagt wird. #TeamGinaLisa.

Fälle wie diese beweisen eindeutig dass wir uns in einer Rape Culture befinden, in der Frauen zwar gesetzlich, und auch da war und ist noch ein sehr langer Weg zu gehen, Rechte zugesprochen werden, dies aber nicht gleichbedeutend damit ist, dass diese auch gelebt und in Anspruch genommen werden können. Ich gehe auf diesen Punkt so deutlich ein, weil genau diese Systeme Cismännern die Sicherheit und das Selbstverständnis geben so zu handeln, und Frauen dazu bringen dies (schweigend) zu ertragen.

Oft spielen diesem System weitere Umstände hinzu, wie eine Konkrete oder gefühlte Abhängigkeit, zB von Lohn oder in dem Fall der zu erbringenden Leistung des Täters. Dass ich mein Bad wieder benutzen möchte, zwängt mich ungeachtet des Faktes dass ich dafür bezahle, gefühlt in eine dankbare, alles ertragen müssende Position und das scheint sich auch für die Täter so anzufühlen. Es ist daher besonders wichtig klare Grenzen zu setzen und deutlich zu machen dass das so nicht geht. Und wenn das heißt einen weiteren Tag ohne Bad auszukommen ist das immer noch besser als sich in Gefahr zu begeben. Ich für meinen Teil kann jeder Frau nur empfehlen nicht allein dabei zu sein. Egal ob es entspannt wird, oder ob möglicherweise wirklich eine Zeugin oder auch ein Gedächtnisprotokoll von Nöten ist, das sowohl bei einer simplen Beschwerde als auch bei einem Gerichtsverfahren sehr helfen kann.

Fehlverhalten dieser und anderer Arten gegenüber Frauen zu tolerieren hat gesamtgesellschaftliche Auswirkungen zu Folge, und ist strukturell wie im Einzelfall nicht zuzulassen. Jedes Aufmerksam machen kann helfen, jedes entlarven eines Witzes, und jedes eigentlich erniedrigende „Kompliment“. Es ist so wichtig dass Frauen untereinander darüber reden, sich austauschen, Erfahrungen publik machen lassen oder am besten selbst an die Öffentlichkeit gehen.

Für alle Twitter, Instagram oder Facebook Userinnen unter euch, seht euch doch mal folgende Hashtags genauer an dazu: #ausnahmlos , #aufschrei , #nowomanever , #rapeculture

Sollten rechtliche Schritte geplant sein, hier ist der Link zur österreichischen Gleichbehandlungsanwaltschaft, und siehe Punkt 12 in deren Beispielen aus der Beratung.

Außerdem der Link zu einer feministischen Handwerkerinnenvereinigung aus Wien.

Und weil die Stadt nun auch ein bisschen mein zu Hause ist, auch aus Berlin.

Für alle Frauen die beim nächsten Mal in so einer Situation gerne weibliche, laute Unterstützung erfahren wollen: Ich esse gern Karottenkuchen. Mit Milch!

 


 

CRAFTSMEN AND BINGO

On what connects craftsmen and bingo, why it always implies danger having them in your house, and on this one situation, in which looks and even the weight of women never matter at all.

I had to allow craftsmen to enter my apartment. Unfortunately, this time it was not possible to decidedly look for a female team, who would fix my rooms, so it was rather obvious that it would be an all-male team, who would spread into my privacy – and that is exactly what happened.

I was nervous before the appointed time. One of the very few places, where equality, solidarity, and respect are a reality to an extent I would wish to see everywhere, becomes the stage for verbal assaults and the violation of boundaries, that are masked as compliments and so-called ‚Herrenwitze‘ (‚men’s jokes‘), which are true to that name, since only cis-men think them funny.
How do I know this? Because it is exactly like that every single time – not only in my experience, but in every woman’s experience I have talked to during my research for this text. It was obvious that every available action perceived as non-punishable is used to establish and maintain hierarchical structures.

‚Violence is always the dark core of power relations,‘ Alice Schwarzer once wrote. (Alice im Männerland.) And although I do not feel as close to Ms. Schwarzer as I used to do, she is absolutely right with her aptly put statement.
The newly entered space, even if it is only a woman’s bathroom, is immediately occupied and turned into a political issue. The conflict, that seemingly starts with opening the door, is fought out by means of violence in the form of gestures and verbal expressions, that clearly have a cis-male connotation. The (obviously perceived as such) superiority of the bathroom owner has to be destroyed, for the craftsmen to be able to relax again in their usual political habitat: patriarchy.

One specific statement illustrating the situation: ‚You know, I’m very good at laying pipes,‘ said with a blatantly ambiguous vocal tone and matching macho attitude. In this case, coming closer, prancing, with straddled legs – the way to stand per se, when it comes to occupying space, that is not yours to take (manspreading in U-Bahn rides etc.).

If it wasn’t for the underlying misogyny, I would be inclined to yawn and feel pity, for how fragile does one’s own identity have to be, if the mere existence of a woman in the same space calls for these measures.

And no: THIS IS NOT A COMPLIMENT!

In my opinion, a compliment is a beautifully phrased truth, that is directly and exclusively related to the addressed person, with the aim of showing the person concerned: I see you, it’s about you, I celebrate you and I want you to know.

Not one of these aspects can be applied to the above mentioned approach. It is all about sexualizing the situation, forcing the woman into a certain position where she does not feel comfortable. And making it all look like a joke in order to give her a feeling of not having the actual right to complain. She is exposed to the right degree of dominance and physical superiority to have her submit to the oppression – in her own home.

At this point, I would like to show you the perfectly fitting Street Harassment Bingo, that I have found at Holla Back DC. It lists all common reasons used to relativize assaults. The blog is generally worth your while.

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With all this, it is totally irrelevant how women look. The fact that they are not cis-men is enough. Aspects like weight, hair, trends, clothes, body shape, and all other features women are always judged by – this is probably the only situation where they are of no concern. Because it is not about real appreciation, but oppression disguised as fun. Here is another example that led to quite a controversy in Germany.

This assault, the so-called harassment, likely to be sexual as well and always directed at violating a woman’s dignity, is actually a criminal offence in Austria and Germany. Good to know, and I support every possible legal action against it. But what is the worth of that law, if even a woman who is known through media can be drugged, raped, and finally charged herself with false testimony. #TeamGinaLisa.

Incidents like this clearly prove, we are living in a society tolerating rape culture. Women are granted rights by law, even though that was and still is a long way to go, but that does not mean these rights can be realized and made use of. I stress this point because it is exactly these systems that provide cis-men with assurance and self-importance and make women bear it (silently).

Frequently, other circumstances support this system, like an actual or perceived dependence on e.g. pay or in this case a service to be rendered by the perpetrator. The fact that I want to use my bathroom again forces me into a position where I have to put up with anything and be thankful, even though I pay for it. And it seems to feel the same for the perpetrators. It is especially important to set clear limits and emphasize that any transgression will not be tolerated. Even if it means getting by without a bathroom for another day, it is still safer than exposing yourself to danger. I would advise every woman not to be alone in situations like this. No matter if it is totally relaxed or if there really is a need for a witness or a verbatim record, which can help with a simple complaint as well as with legal proceedings.

Misconduct of this and other kinds against women does affect society as a whole. It is not to be tolerated – structurally and individually. Calling attention to it and exposing jokes or degrading ‚compliments‘ can help. It is very important for women to talk about it, to exchange and publicize experiences, to share with the public.

For all twitter, instagram or facebook users among you, take a look at the following hashtags: #ausnahmslos, #aufschrei, #nowomanever, #rapeculture.

If you are planning on legal actions, here is the link to the Austrian Equal Treatment Advocacy. See item 12 in the examples of their consultations.

In addition, the link to a feminist trade guild from Vienna.

And because this city is kind of my home now, too, a link in Berlin.

For all women who want to have female, loud support in a situation like this: I like carrot cake. With milk!

 

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